Erftkreis Erst kommt der Mord, dann der Flirt Von THOMAS SCHUBERT KERPEN-NIEDERBOLHEIM. Wie ein Gespenst stolziert eine Braut in ihrem prächtigen Kleid durch die Villa Sophienhöhe, während in einem anderen Teil des Hauses die Mordkommission tagt. Dort sitzt in illustrer Runde eine Ansammlung gestandener Kriminologen. Agatha Christie-Leserinnen, „Tatort“-Fans und erfahrenen „Internet-Mafia-Mörder“ interessieren an diesem Nachmittag nur zwei Fragen: Wer hat den Bibliothekar Karl Bröm ermordet, und wie komme ich mit dem charmanten Kollegen dort drüben ins Gespräch? Mord und Flirt lautet die Devise, welche Veranstalter „Twingles“ ausgegeben hat. Und so darf nach Herzenslust verhört und geturtelt werden, bis der Mörder gefasst und das mehrgängige Candle-Light-Dinner verspeist ist. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Dicke Schweißperlen treten beim Verhör nur dem Butler auf die Stirn, die verlegene Stimmung einer Single-Party will (oder soll) bei den Teilnehmern aber nicht aufkommen. Wie ein zugestecktes Briefchen in der Schulstunde wirken da Zettel mit Sympathiepunkten, die in der Ermittlungspause den Besitzer wechseln. Die Freundinnen Bettina und Ulrike nominieren sich einfach gegenseitig, doch es kommt auch Post vom Nachbartisch. Ein verschmitztes Lächeln, ein dankbares Nicken, und dann holt der polizeiliche Ernst die Twingles-Singles wieder ein. Erst der Mord, dann das Vergnügen - der Krimi hat eindeutig Vorrang. Und so rückt der vornehme Butler Hendrik Hauser ins Visier der einsamen Ermittler. „Wo waren Sie gestern Abend um zehn? Wie viele Dienstjahre haben Sie in der Villa verbracht? Wie war Ihr Verhältnis zu Karl Bröm?“ Fragen über Fragen. Da bringt eine Begehung des Tatorts mehr Aufschluss als das Stammeln des Butlers. Also schnell die stilechten Gummihandschuhe übergestreift, die „Kreide-Leiche“ auf dem Boden inspiziert, den Tresor geknackt, die Geburtsurkunden und das Testament gesichtet - schon steht fest: Der Butler ist in Wahrheit der enterbte Sohn des toten Bibliothekars. 250 000 Euro streicht nun die uneheliche Tochter Petra Morgan ein. Was für ein Zufall, dass die geheimnisvolle Londoner Schriftstellerin Lady Ashley gerade in der Villa residiert, den passenden Vornahmen trägt und auch noch am selben Tag gebohren wurde wie die Erbin. „Geldgier ist das Motiv bei allen Verdächtigen“, soviel steht für die Hobby-Kommissare schnell fest. Doch auch andere Formen der Gier prägen den interaktiven Krimi. Da ist Haushälterin Lila Schön, die um die Gunst von Lord Finley buhlt und Ashley dabei ausstechen will. „Die ist doch ne blöde Ziege. Gestern hat er mir noch schöne Augen gemacht“, keift Lila. Schon zieht der charmante Lord und Gespiele von Ashley den Verdacht auf sich. Doch der Cigarrillopaffende Charmeur bewahrt das Understatement des adeligen Pferdezüchters und kontert in fast holperfreiem Deutsch. „Ich habe auf der School Deutsch gehabt.“ Rein zufällig seien die Lippen von Lord und Lady aneinandergeraten, doch die Kommission hält Finleys Vorstellung eher für „ganz großes Kino.“ Nach wilden Spekulationen, sich überschlagenden Ereignissen und überraschenden Wendungen fügen die Detektive schließlich alle Mosaiksteine richtig zusammen. „Ich habe es aus Liebe getan“, jammert der überführte Mörder bei seiner Festnahme. Eine Rechtfertigung, die bei der Mordkommission nach Dienstschluss noch für Gesprächsstoff und klingelnde Champagnergläser gesorgt haben dürfte. (KR)